Das Wichtigste in Kürze: Perfektionismus als Führungskraft sieht von außen nach Exzellenz aus. Von innen fühlt er sich an wie ein Zwang: jede Folie noch einmal selbst überarbeitet, jede Abgabe geprüft. Dein Perfektionismus ist kein Makel, den du dir wegtrainierst. Er ist ein Panzer, und er hatte einmal einen guten Grund. Du kommst aus der Perfektionismus-Falle, wenn Kontrolle wieder deine Wahl wird und kein Automatismus mehr ist. Wie das im Coaching für Führungskräfte aussieht, liest du weiter unten.
Thomas ist seit zwanzig Jahren Partner, fachlich ganz oben, mit eigenem Team. Ins Coaching kommt er, weil ein Senior-Partner es ihm nahelegt. Mehrere seiner Mitarbeitenden haben gekündigt.
Er will, dass die Arbeit stimmt. Zu 150 Prozent. Bei seinen Leuten kommt etwas anderes an: Rückmeldungen, die hart sind und entwerten.
Irgendwann lässt er sein Team zu Wort kommen und hört zu. Danach sagt er offen: „Das ist das kritischste Feedback meiner Karriere. Gut, auch wenn es hart für mich ist.“ Und: Jetzt schauen wir gemeinsam nach vorn.
Seine Veränderung im Alltag beginnt mit einer neuen Routine: einem Glas Wasser. Wenn er merkt, dass ihm etwas nicht passt, schenkt er sich eins ein, trinkt in Ruhe und reagiert erst danach.
Thomas heißt in Wirklichkeit anders, seine Geschichte ist anonymisiert. Aber den Satz „Es muss zu 150 Prozent stimmen“ höre ich von vielen Führungskräften.
Warum wird Perfektionismus als Führungskraft zum Problem?
Perfektionismus wird zum Problem, wenn du immer zuerst siehst, was fehlt, statt was schon da ist. Dann entsteht ein Klima der Unsicherheit, für dich und für dein Team.
Dein Anspruch an Qualität ist eine Stärke. Vielleicht erkennst du aber das:
• Ein kleiner Fehler wird vertuscht, weil niemand deine Kritik riskieren will.
• Dein Team liefert nur noch 80 Prozent, weil es weiß, dass du am Ende sowieso alles korrigierst.
• Du selbst steckst Stunden in die letzten 2 Prozent, die kaum jemand bemerkt.
Sei ehrlich: Das macht dich selbst nicht zufriedener. Dein Perfektionismus hat sich verselbständigt, und du spürst, dass er dir und deinen Leuten im Weg steht. Viele perfektionistische Führungskräfte fühlen sich irgendwann überfordert, obwohl sie alles im Griff haben.
Was steckt hinter Perfektionismus?
Hinter Perfektionismus steckt ein innerer Panzer. Er entsteht selten ohne Grund: Wahrscheinlich hast du früh erlebt, dass kleine Fehler große Konsequenzen hatten.
Kritik vor versammelter Mannschaft. Eine Idee, die im Gremium nicht durchdrang, und das Gefühl, klein und übergangen zu sein. Bei Thomas war es ein Vater, der Leistungen durch Vergleiche kleinredete.
Also hast du dir einen Schutz gebaut: Kontrolliere alles, dann kann dir nichts passieren. Dieser Schutz ist ein Panzer um dein Inneres. Und dieser Panzer besteht aus lauter ungesagten Sätzen.
Der wichtigste davon heißt: „Es ist gut genug.“ Den sagst du nicht. Nicht zu deinem Team, nicht zu dir selbst. Stattdessen: noch eine Runde, noch ein Blick, noch die letzten 2 Prozent.
Drei Dinge über diesen Panzer solltest du wissen:
• Er war einmal eine kluge Entscheidung. Er hat dich vor Angriffen und Überforderung geschützt, und er hat dich erfolgreich gemacht. Eine Höchstleistung der Anpassung.
• Er ist älter als deine Karriere. Gebaut wurde er in der Kindheit, in der Ausbildung, im ersten Job, überall dort, wo „keine Fehler machen“ der Weg zu Sicherheit war.
• Er schützt in beide Richtungen. Nach außen vor Kritik. Nach innen davor, hinsehen zu müssen. Deshalb ist er so schwer zu öffnen.
Oft hängt Perfektionismus eng mit Mikromanagement zusammen: Wer an sich den höchsten Maßstab anlegt, kontrolliert auch das Team. Mehr dazu im Artikel Raus aus der Mikromanager-Falle.
Was kostet Perfektionismus dich und dein Team?
Perfektionismus kostet zweifach: Dein Team bleibt klein, und du trägst immer mehr allein. Nach außen wirkt das souverän. Du hast alles im Griff.
Er kostet dein Team: zu viel Kontrolle, zu wenig Delegation, zu selten Vertrauen. Deine Leute bleiben klein und unselbständig, meiden Risiko und Neues. Ihr lernt nicht miteinander, weil du glaubst, alles selbst am besten zu können. Im schlimmsten Fall gehen sie, so wie bei Thomas.
Und er kostet dich. Je mehr Verantwortung du trägst, desto weniger Menschen gibt es, denen du sagen kannst, wie es dir wirklich geht.
Das Team nicht, du bist die Instanz. Zu Hause füllst du längst eine Rolle aus. Kolleg:innen sind Wettbewerb. Du führst alle. Aber wem sagst du, was wirklich los ist?
Das ist die zweite Einsamkeit. Die erste Einsamkeit ist das Alleinsein. Die zweite trifft Menschen, die von anderen Menschen umgeben sind und trotzdem niemandem sagen können, was ihnen wichtig ist: nicht im Team, nicht im Vorstand, oft nicht einmal zu Hause.
Über solche Momente schreibe ich jeden Mittwoch in meinem Newsletter.
Wie überwinde ich Perfektionismus als Führungskraft?
Du musst den inneren Panzer nicht ablegen. Keine Führungskraft will über Nacht schutzlos werden, und das soll sie auch nicht. Es reicht, wenn der Panzer wieder zu einer Wahl wird: Du entscheidest, wo du die Kontrolle brauchst und wo du sie loslassen kannst. Vier Schritte führen dorthin.
1. Den Moment davor bemerken
Der Perfektionismus läuft auf Autopilot. Der erste Schritt ist, ihn zu erwischen: in dem Moment davor, bevor du die Folie doch wieder selbst übernimmst, bevor du die dritte Korrekturschleife startest. Halte kurz inne und merke: Da ist er wieder. Thomas hat dafür sein Glas Wasser.
2. Den ungesagten Satz erkennen
Frag dich in diesem Moment: Welchen Satz sage ich hier gerade nicht? Meistens ist es einer von diesen: „Das ist gut genug.“ „Ich traue dir das zu.“ „Ich weiß es auch nicht.“ „Das schaffe ich nicht allein.“ Zu den 150 Prozent treibt dich ein alter Satz, der ungesagt bleibt, selten der Wert der Aufgabe. Ihn zu erkennen nimmt ihm schon etwas von seiner Macht.
3. Bewusst wählen
Jetzt entscheidest du, und beide Richtungen sind erlaubt. Wo lässt du los? Gib Feedback früh, statt am Ende allein nachzuschleifen. Übergib eine Aufgabe bei 90 Prozent, wenn die letzten 10 Prozent den Aufwand nicht wert sind.
Und wo behältst du die Kontrolle bewusst? Auch das ist eine legitime Wahl, solange du sie triffst und nicht der Autopilot. Mach es konkret: Was sagst du, wem, bis wann?
4. Es verankern, nicht allein
Die ehrliche Wahrheit: Aus einem alten Muster kommst du nicht allein heraus. Ein Vorsatz am Montag hält bis Mittwoch.
Was trägt, ist ein Gegenüber: ein Mensch, der hört, was du sonst niemandem sagst. Ein:e Kolleg:in, ein:e Partner:in, ein Coach. Jemand mit Namen und Rhythmus, bei dem du den Satz „Es ist gut genug“ laut aussprechen kannst, bis er wahr wird.
Ein Satz wirkt nicht dadurch, dass du ihn denkst. Er wirkt dadurch, dass ihn jemand hört. Diese Schritte sind ein Stück achtsame Selbstführung: innehalten, das Muster sehen, dann wählen.
Wie gehe ich mit perfektionistischen Kollegen oder Mitarbeitenden um?
Mit perfektionistischen Kolleg:innen oder Mitarbeitenden kommst du am besten klar, wenn du ihren Anspruch würdigst und den Rahmen vorher klärst. Sag vor dem Start, was „gut genug“ für diese Aufgabe heißt und bis wann.
Perfektionist:innen arbeiten selten aus Sturheit so. Sie schützen sich, genau wie du vielleicht auch. Kritik an ihrer Gründlichkeit verstärkt den Panzer meist. Hilfreicher sind klare Kriterien, ein früher Zwischenstand und ein Satz, den sie selten hören: „Das reicht so. Danke.“
Bist du selbst die perfektionistische Führungskraft, gilt dasselbe in umgekehrter Richtung. Dein Team braucht von dir den Satz „Das ist gut genug“, damit es aufhört, auf deine Korrektur zu warten.
Was verändert sich, wenn der Panzer zur Wahl wird?
Wenn der Panzer zur Wahl wird, wird dein Team mutiger, und du wirst entlastet.
Jemand schlägt eine neue Vorgehensweise vor, ohne Angst, dass du sie zerpflückst, und merkt, dass die Idee gehört wird. Aus 80-Prozent-Lieferung wird Verantwortung. Bei Thomas wird in den Teamsitzungen wieder gelacht, und sein Team sieht, dass er sich bemüht.
Nicht jede Folie muss durch deine Hand. Du gewinnst Zeit und Energie zurück, die vorher in den letzten 2 Prozent versickert sind.
Und du kommst wieder in Kontakt: mit deinem Team, und zuerst mit dir selbst. Du musst dafür nicht überall alles zeigen. Es reicht ein Ort, an dem du nichts mehr verstecken musst.
Fazit
Du kannst als Führungskraft exzellente Arbeit leisten, ohne dich im Perfektionismus zu verlieren. Der Weg dahin beginnt damit, dass du deinen Panzer erkennst, den ungesagten Satz darunter hörst und wieder anfängst zu entscheiden, wo du Kontrolle brauchst. Härte gegen dich selbst führt nicht dorthin.
Wo würde dein Team aufatmen, wenn du sagst: „Das ist gut genug“?
Wenn du jeden Mittwoch einen Gedanken zu Führung und Selbstführung lesen möchtest, trag dich hier in meinen Newsletter ein.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, dass ich als Führungskraft perfektionistisch bin?
Du überarbeitest Abgaben deines Teams selbst, steckst viel Zeit in Details, die kaum jemand bemerkt, und gibst erst frei, wenn alles zu 150 Prozent stimmt. Oft kommt dazu das Gefühl, überfordert zu sein, obwohl von außen alles im Griff wirkt.
Ist Perfektionismus eine Stärke oder eine Schwäche?
Beides. Der Anspruch an Qualität ist eine Stärke. Zur Schwäche wird Perfektionismus, wenn er automatisch läuft und du nicht mehr entscheidest, wo die letzten Prozent wirklich zählen.
Kann man Perfektionismus überwinden?
Ja, aber selten durch Vorsätze. Es hilft, den Moment davor zu bemerken, den ungesagten Satz dahinter zu erkennen und bewusst zu wählen. Am meisten trägt ein Gegenüber, mit dem du das übst, zum Beispiel im Coaching.
Was hilft im Alltag gegen den Perfektionismus-Autopiloten?
Eine kleine Unterbrechung, bevor du reagierst. Ein Klient von mir schenkt sich ein Glas Wasser ein und trinkt es in Ruhe, bevor er auf eine Abgabe antwortet. Die Pause gibt dir die Wahl zurück.
Warum kündigen Mitarbeitende bei perfektionistischen Chefs?
Weil ständige Korrektur als Entwertung ankommt, auch wenn sie als Qualitätsanspruch gemeint ist. Wer nie hört, dass etwas gut genug ist, hört irgendwann auf, sich anzustrengen, oder geht.