Immer stark sein müssen

Immer stark sein müssen - Brigitta Wurnig, Executive Coaching Hamburg

Immer stark sein müssen

Er steht vorne im Townhall, vierhundert Leute im Saal und noch einmal so viele am Bildschirm. Es geht um die Umstrukturierung seines Bereichs – Monate der Unsicherheit, harte Entscheidungen, offene Fragen, auf die auch er keine Antwort hat. Trotzdem steht er da, ruhig, klar, verbindlich. Er nimmt den Leuten die Angst, so gut es geht. Danach kommt ein jüngerer Kollege zu ihm und sagt: „Wahnsinn, wie souverän du das machst.“ Er lächelt, nickt, bedankt sich.

Was der Kollege nicht sieht: Er hat die halbe Nacht wachgelegen. Er weiß selbst nicht, ob die Richtung stimmt. Und er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal jemandem im Unternehmen einen ehrlichen Satz darüber gesagt hat, wie es ihm damit wirklich geht.

Seine Geschichte ist anonymisiert. Aber diese Lücke zwischen außen und innen kennen die meisten Führungskräfte gut.

Warum zeigen Führungskräfte keine Schwäche?

Weil sie früh gelernt haben, dass Stärke Sicherheit bringt und Schwäche ein Risiko ist. Wer führt, spürt einen stillen Auftrag: Halte den Laden zusammen, strahle Ruhe aus, auch wenn es in dir arbeitet. Also zeigst du nach außen Souveränität – und was unsicher, müde oder überfordert ist, behältst du für dich. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil es sich über Jahre bewährt hat.

Das ist keine Schwäche des Charakters. Es ist eine Leistung. Du hast gelernt, unter Druck ruhig zu wirken, und genau das hat dich in deine Position gebracht. Das Problem beginnt erst dort, wo die Fassade so dicht wird, dass auch du selbst nicht mehr durchkommst.

Ist eine Fassade nicht einfach professionell?

Zum Teil, ja. Nicht jede Regung gehört ins Townhall, und niemand erwartet von dir, dass du deinem Team jede Sorge auf die Nase bindest. Eine gewisse Haltung zu bewahren, ist Teil deiner Rolle – das ist gesund und richtig.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen einer Rolle, die du bewusst spielst, und einem Panzer, der dich rund um die Uhr trägt, ob du willst oder nicht. Eine Rolle legst du am Abend ab. Ein Panzer bleibt. Und wenn es keinen einzigen Ort mehr gibt, an dem du ihn öffnen darfst, dann ist aus dem professionellen Auftreten etwas anderes geworden: eine Dauerhaltung, die dich langsam von dir selbst trennt.

Was die Fassade wirklich ist

Sie ist ein Panzer, und dieser Panzer besteht aus lauter ungesagten Sätzen. „Ich weiß es auch nicht.“ „Ich habe Angst, dass das schiefgeht.“ „Ich bin am Ende meiner Kraft.“ „Ich bräuchte Hilfe.“ Jeder dieser Sätze bleibt unausgesprochen – und jedes Mal wird der Panzer eine Schicht dicker.

Die Fassade ist kein Makel. Sie war eine kluge Entscheidung – und sie ist älter als deine Karriere.

Gebaut wurde sie lange vor deinem ersten Führungsjob: in der Kindheit, in der Ausbildung, überall dort, wo „stark sein“ und „keine Schwäche zeigen“ der Weg zu Anerkennung und Sicherheit waren. Sie hat dich beschützt und sie hat dich weit gebracht. Deshalb ist sie so schwer abzulegen – und deshalb ist es unfair, dir zu sagen, du sollst sie einfach fallen lassen.

Der Preis, den keiner sieht

Nach außen funktioniert die Fassade tadellos. Nach innen kostet sie dich mehr, als dir lieb ist:

Dein Team traut sich seltener, dir etwas Unfertiges zu zeigen – weil du ja immer alles im Griff hast, wirkt jeder eigene Zweifel wie ein Makel. Du selbst kannst kaum um Hilfe bitten, weil Bitten nach Schwäche aussieht. Und die Kraft, die es täglich kostet, stark zu wirken, wenn man es gerade nicht ist, fehlt dir an anderer Stelle. Am Ende stehst du souverän da – und allein mit allem, was schwer ist.

Der Panzer, der dich stark aussehen lässt, ist derselbe, der dich allein lässt mit dem, was schwer ist.

Sollte ich als Führungskraft Schwäche zeigen?

Die ehrliche Antwort lautet: nicht überall – aber irgendwo schon. Der verbreitete Rat „zeig einfach Verletzlichkeit, das ist die neue Stärke“ ist nur zur Hälfte richtig. Er verlangt von Menschen, die viel Verantwortung tragen, eine Dauer-Offenheit, die weder klug noch nötig ist. Du musst dich im Townhall nicht öffnen. Du musst es vor deinem Team nicht. Es geht nicht um Authentizität als Dauerzustand, sondern um Wahrhaftigkeit an der richtigen Stelle.

Was du brauchst, ist nicht weniger Fassade überall, sondern ein Ort. Ein einziger geschützter Raum und ein Gegenüber, dem du die ungesagten Sätze sagen kannst, ohne dass es dich etwas kostet. Aus dieser Enge kommt man nämlich nicht allein heraus – nicht aus Schwäche, sondern weil sie im Nicht-sagen-Können sitzt. Es braucht jemanden, der es hört.

Und die wichtigste Entlastung zuerst: Ein Ort genügt. Von dort aus verändert sich der Rest – nicht, weil du deine Fassade abreißt, sondern weil du wieder entscheidest, wann du sie trägst und wann nicht. Der Unterschied ist nicht die Fassade. Der Unterschied ist, dass die Wahl wieder dir gehört.

Genau das ist der Kern meiner Methode Own Your Choice: Die Fassade wird nicht abgerissen – sie wird zur Wahl. Und was hinter ihr wartet, ist keine Schwäche, sondern Verbundenheit: mit dir zuerst, dann mit deinem Leben.

Ein erster, kleiner Schritt

Wenn du bis hierher gelesen hast, kennst du die Lücke zwischen außen und innen wahrscheinlich gut. Du musst daraus jetzt nichts Großes machen. Fang mit einer einzigen ehrlichen Frage an: Welchen Satz sagst du gerade niemandem?

Wenn du an diesem Thema in deinem Tempo dranbleiben willst, schreibe ich einmal in der Woche einen kurzen Impuls dazu – für Menschen mit Verantwortung, die von außen souverän sind und innen viel mit sich tragen. Ein Gedanke pro Woche, kein Lärm. Jederzeit wieder abbestellbar.

→ Own Your Choice – der Newsletter. Erfolg, der sich wieder nach dir anfühlt.

 
 

Häufige Fragen

Sollten Führungskräfte Schwäche zeigen?

Nicht überall, aber an einer Stelle schon. Vor dem ganzen Team oder im großen Meeting ist Zurückhaltung sinnvoll. Entscheidend ist, dass es überhaupt einen geschützten Ort gibt, an dem du das Unfertige und Schwere aussprechen kannst – sonst wird aus professioneller Haltung eine Dauerbelastung.

Verliere ich Autorität, wenn ich als Chef Gefühle zeige?

Nicht durch dosierte Offenheit am richtigen Ort. Autorität leidet nicht daran, dass du auch mal etwas nicht weißt, sondern daran, dass die Fassade so dicht wird, dass dir niemand mehr nahekommt. Es geht nicht um Dauer-Offenheit, sondern um Wahrhaftigkeit an der richtigen Stelle.

Warum fällt es Führungskräften so schwer, um Hilfe zu bitten?

Weil Bitten nach Schwäche aussieht und sie gelernt haben, dass Stärke Sicherheit bringt. Diese Prägung ist meist älter als die Karriere. Um Hilfe zu bitten fühlt sich deshalb an, als würde man die eigene Rolle verraten – obwohl es das Gegenteil ist.

Ist eine professionelle Fassade nicht völlig normal?

Ja – solange sie eine Rolle bleibt, die du bewusst spielst und am Abend ablegen kannst. Zum Problem wird sie erst, wenn sie ein Panzer wird, den du rund um die Uhr trägst und an keinem einzigen Ort mehr öffnen darfst.

Wie kann ich verletzlich sein, ohne mich überall zu öffnen?

Indem du nicht die Fassade überall abbaust, sondern dir einen einzigen geschützten Raum schaffst – ein vertrauliches Gegenüber außerhalb deiner Rollen. Ein Ort genügt, damit sich der Druck löst. Überall offen sein musst du nicht.

Brigitta Wurnig

Brigitta Wurnig ist Executive Coach und Mentorin in Hamburg und begleitet seit über 26 Jahren Menschen mit Führungsverantwortung im DACH-Raum. Ihr Thema ist die zweite Einsamkeit — die Einsamkeit erfolgreicher Menschen, die nach C. G. Jung nicht darin liegt, allein zu sein, sondern darin, nicht sagen zu können, was einem wichtig ist. Mit ihrer Methode Own Your Choice macht sie Achtsamkeit im Business zur Strategie statt zum Wellness-Angebot: einen Weg zurück zur Wahrhaftigkeit und zu bewusster Führung. Autorin, Speakerin und Search-Inside-Yourself-Trainerin.

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Einsam an der Spitze