Einsam an der Spitze

Einsamkeit an der Spitze Brigitta Wurnig, Executive Coaching Hamburg

Einsam an der Spitze

An dem Tag, an dem sie zur Geschäftsführerin berufen wird, bekommt sie über zweihundert Nachrichten. Glückwünsche, Blumen, Anrufe. Sie hat es geschafft – die Spitze eines Unternehmens mit einigen hundert Mitarbeitenden, da, wo sie immer hinwollte. Am Abend sitzt sie in ihrer Küche, das Handy voll ungelesener Botschaften, und stellt etwas fest, das sie selbst überrascht: Es gibt niemanden, den sie jetzt anrufen könnte, um zu sagen, wie ihr wirklich zumute ist. Nicht, wie großartig das alles sei. Sondern: wie leer. Wie müde. Wie allein.

Sie ist von Menschen umgeben wie nie zuvor. Und einsamer als je.

Ihre Geschichte ist anonymisiert. Aber diese Szene, in hundert Varianten, ist der Grund, warum es diesen Text gibt.

Warum fühlen sich erfolgreiche Führungskräfte einsam?

Nicht, weil sie zu wenige Menschen um sich haben – sondern weil es niemanden gibt, dem sie sagen können, was wirklich in ihnen vorgeht. Einsamkeit an der Spitze ist keine soziale Isolation. Sie ist fast ihr Gegenteil: umgeben sein, gefragt sein, gebraucht werden – und trotzdem ungesehen bleiben, genau an der Stelle, an der es zählt.

Das ist der Grund, warum sie so schwer zu fassen ist. Von außen sieht dein Leben nach dem Gegenteil von Einsamkeit aus. Voller Kalender, volle Räume, ständig Menschen, die etwas von dir wollen. Und doch trägst du Dinge mit dir herum, die dort keinen Platz haben.

„Aber ich bin doch ständig von Menschen umgeben“

Genau das ist die Falle. Die Einsamkeit erfolgreicher Menschen versteckt sich hinter lauter Kontakt. Schau aber genauer hin, wohin du mit dem, was dich wirklich bewegt, eigentlich gehen könntest – und du merkst, wie eng es wird:

Dein Team schaut zu dir auf. Es trägt nicht dich, du trägst es. Vor deinen Leuten Unsicherheit zu zeigen, kostet dich Autorität – also tust du es nicht. Zu Hause füllst du oft längst eine Rolle aus; die Person, die abends müde ankommt, soll stark sein, verlässlich, präsent. Und deine Kolleg:innen auf gleicher Höhe? Die sind, bei aller Wertschätzung, auch Wettbewerb. Man zeigt einander die Zahlen, nicht die Zweifel.

So bleibt am Ende kein Ort, an dem das Wahre gesagt werden darf. Nicht, weil dich niemand mag – sondern weil deine Position selbst die Türen schließt. Das ist etwas anderes als die Einsamkeit, über die sonst gesprochen wird. Es ist die Einsamkeit dessen, der von allen gesehen wird, nur nicht dort, wo er wirklich ist.

Woher diese Einsamkeit wirklich kommt

Der Psychologe C. G. Jung hat sie präziser beschrieben als jeder Ratgeber:

Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich hat, sondern dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann – oder dadurch, dass man Ansichten vertritt, die anderen unzulässig erscheinen.  — C. G. Jung

Der zweite Teil ist für Führungskräfte der entscheidende. Du trägst nicht nur Gefühle, die du nicht zeigen darfst. Du trägst auch Einschätzungen, Zweifel und Wahrheiten über dein Unternehmen, deine Leute, deine Richtung, die du an deiner Position schlicht nicht aussprechen kannst. Jeder dieser ungesagten Sätze legt sich wie eine weitere Schicht um dein Inneres.

Aus diesen Schichten entsteht mit den Jahren ein Panzer. Er war klug: Er hat dich handlungsfähig gehalten, dich vor Angriffen geschützt, dich nach oben gebracht. Aber er schützt in beide Richtungen – nach außen vor Angriff und nach innen davor, hinsehen zu müssen. Und hinter ihm wird es still.

Einsamkeit an der Spitze heißt nicht, allein zu sein. Sie heißt, ganz oben zu stehen und niemanden zu haben, dem man die Wahrheit sagen kann.

Warum niemand es sieht – am längsten du selbst

Menschen, die zurückgezogen und sichtbar einsam sind, erkennt jeder. Dich erkennt niemand. Du wirkst souverän, präsent, verbunden – du bist brillant im Außen, das ist ja deine Stärke. Genau deshalb sieht dir niemand an, wie es hinter dem Panzer aussieht. Und weil das Eingeständnis „ich fühle mich einsam“ nach Schwäche klingt, sagst du es nicht einmal dir selbst. Du nennst es Stress. Zu viel um die Ohren. Eine Phase.

Es ist keine Phase. Es ist der Preis einer langen, unbewussten Entscheidung: im Außen zu bestehen und das Innere dafür zu verschließen. Der Panzer, der dich nach oben gebracht hat, ist derselbe, der dich einsam macht. Und er besteht aus allem, was du nicht sagst.

Was gegen die Einsamkeit an der Spitze hilft – und was nicht

Was nur an der Oberfläche bleibt: der Rat, dir doch ein Netzwerk aufzubauen, einer Peer-Group beizutreten, dir einen Mentor zu suchen. All das ist wertvoll – aber es fängt die Einsamkeit nicht, solange du auch dort den Panzer anbehältst und weiter nur die Zahlen zeigst, nicht die Zweifel. Mehr Kontakte lösen kein Problem, das im Nicht-sagen-Können liegt.

Was wirklich hilft, ist kein Netzwerk und kein Trick, sondern zweierlei: ein Raum und ein Gegenüber. Ein Ort, an dem das Ungesagte endlich gesagt werden darf, und ein Mensch, der es hört, ohne es gegen dich zu verwenden und ohne dich zu bewerten. Denn aus dieser Art von Einsamkeit kommt man nicht allein heraus – nicht aus Schwäche, sondern weil sie strukturell im Ungesagten sitzt. Man braucht jemanden, der es hört, damit man mit dem Gesagten nicht mehr allein ist.

Und die wichtigste Entlastung zuerst: Du musst dich nicht überall öffnen. Nicht im Führungskreis, nicht vor dem Team. Es reicht ein einziger Ort, an dem du es nicht mehr müssen musst. Von dort aus verändert sich der Rest – nicht, weil du deinen Panzer ablegst, sondern weil du wieder entscheidest, wann du ihn trägst und wann nicht.

Genau das ist der Kern meiner Methode Own Your Choice: Der Panzer wird nicht abgelegt – er wird zur Wahl. Und was hinter ihm die ganze Zeit gewartet hat, ist keine Schwäche, sondern Verbundenheit: mit dir zuerst, dann mit deinem Leben.

Ein erster, kleiner Schritt

Wenn du bis hierher gelesen hast, kennst du diese Stille wahrscheinlich von innen. Du musst daraus jetzt nichts Großes machen. Fang mit einer einzigen ehrlichen Frage an: Wem sagst du eigentlich, wie es dir wirklich geht?

Wenn du an diesem Thema in deinem Tempo dranbleiben willst, schreibe ich einmal in der Woche einen kurzen Impuls dazu – für Menschen mit Verantwortung, die von außen souverän sind und innen viel mit sich tragen. Ein Gedanke pro Woche, kein Lärm. Jederzeit wieder abbestellbar.

→ Own Your Choice – der Newsletter. Erfolg, der sich wieder nach dir anfühlt.

 
 

Häufige Fragen

Ist es normal, sich als Führungskraft einsam zu fühlen?

Ja, und es ist weiter verbreitet, als die meisten glauben. Gerade Menschen mit viel Verantwortung tragen Gedanken und Einschätzungen, die sie an ihrer Position kaum aussprechen können. Diese Einsamkeit ist kein persönliches Versagen, sondern eine Folge der Rolle.

Warum fühle ich mich einsam, obwohl ich ständig von Menschen umgeben bin?

Weil Einsamkeit nicht von der Zahl der Menschen um dich herum abhängt, sondern davon, ob du ihnen sagen kannst, was dir wirklich wichtig ist. Du kannst umgeben und gefragt sein und trotzdem niemanden haben, dem du die Wahrheit über dein Erleben sagen kannst.

Ist Einsamkeit an der Spitze ein Zeichen von Schwäche?

Nein. Sie ist der Preis einer Stärke: Du hast gelernt, im Außen zu bestehen und dein Inneres zu schützen. Das hat dich erfolgreich gemacht. Die Einsamkeit ist die Kehrseite dieses Schutzes, kein Defekt.

Mit wem kann ich als Geschäftsführer oder Führungskraft über Belastungen reden?

Selten mit dem Team (es schaut zu dir auf), oft nicht zu Hause (dort füllst du eine Rolle aus) und kaum mit Kolleg:innen (sie sind auch Wettbewerb). Deshalb braucht es einen bewusst geschützten Raum außerhalb dieser Rollen – ein vertrauliches Gegenüber, das nichts von dir will und dich nicht bewertet.

Was hilft wirklich gegen Einsamkeit als Führungskraft?

Kein weiteres Netzwerk allein, sondern ein Ort, an dem das Ungesagte gesagt werden darf, und ein Gegenüber, das es hört. Du musst dich nicht überall öffnen – ein einziger vertraulicher Raum genügt, damit sich der Rest wieder löst.

Brigitta Wurnig

Brigitta Wurnig ist Executive Coach und Mentorin in Hamburg und begleitet seit über 26 Jahren Menschen mit Führungsverantwortung im DACH-Raum. Ihr Thema ist die zweite Einsamkeit — die Einsamkeit erfolgreicher Menschen, die nach C. G. Jung nicht darin liegt, allein zu sein, sondern darin, nicht sagen zu können, was einem wichtig ist. Mit ihrer Methode Own Your Choice macht sie Achtsamkeit im Business zur Strategie statt zum Wellness-Angebot: einen Weg zurück zur Wahrhaftigkeit und zu bewusster Führung. Autorin, Speakerin und Search-Inside-Yourself-Trainerin.

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