Glossar Systemisches Coaching mit Foto von Brigitta Wurnig

Systemisches Coaching

Systemisches Coaching betrachtet Führungskräfte nicht als Einzelpersonen mit „Themen“, sondern als Teil eines größeren Gefüges. Entscheidungen, Konflikte und Spannungen entstehen selten im luftleeren Raum. Sie sind eingebettet in Rollen, Erwartungen, Machtstrukturen und Kultur. Genau hier setzt der systemische Ansatz an.

Es geht nicht darum, Menschen zu reparieren. Sondern Zusammenhänge zu verstehen – und dadurch wirksamer zu handeln.

Was bedeutet Systemisches Coaching?

Systemisches Coaching basiert auf der Annahme, dass Verhalten immer im Kontext eines Systems entsteht. Ein System kann ein Team sein, ein Bereich, ein Vorstandsgremium oder die gesamte Organisation.

Im Unterschied zu rein lösungsorientierten Kurzinterventionen fragt systemisches Coaching:

  • Welche Muster wiederholen sich?

  • Welche Rolle nehme ich ein – bewusst oder unbewusst?

  • Welche Dynamiken stabilisieren das Problem?

  • Wer profitiert (unbewusst) vom Status quo?

Der Blick wechselt vom „Was stimmt mit mir nicht?“ hin zu „Was passiert hier eigentlich – und welchen Anteil habe ich daran?“.

Beispiel aus dem Alltag:
Eine Bereichsleiterin erlebt ihr Team als passiv. In der systemischen Reflexion wird deutlich: Sie übernimmt in Meetings sehr schnell Verantwortung und entscheidet vor. Das Team hat gelernt, sich zurückzulehnen. Nicht aus Desinteresse – sondern weil das System es so belohnt.

Und genau da wird es spannend.

Warum ist Systemisches Coaching für Führungskräfte relevant?

Führung findet immer im Spannungsfeld statt: zwischen Strategie und Menschen, zwischen Verantwortung und Einfluss, zwischen Tempo und Kultur.

Systemisches Coaching unterstützt Führungskräfte dabei:

  • komplexe Dynamiken besser zu verstehen

  • ihre eigene Wirkung bewusster wahrzunehmen

  • Entscheidungsfähigkeit in unsicheren Situationen zu stärken

  • Konflikte differenzierter einzuordnen

  • Verantwortung zu klären – ohne alles selbst zu tragen

Gerade im mittleren und oberen Management sind Themen selten rein persönlich. Sie sind strukturell, politisch, kulturell geprägt.

Systemisches Coaching schafft hier einen Denkraum. Kein Therapieformat. Kein Trainingsprogramm. Sondern ein strukturiertes Sparring auf Augenhöhe.

Typische Herausforderungen & Missverständnisse

„Systemisch heißt doch, alle müssen mit am Tisch sitzen.“
Nein. Systemisch zu arbeiten bedeutet nicht zwingend, mit dem gesamten System im Raum zu sein. Es bedeutet, das System mitzudenken – auch im 1:1-Setting.

„Das ist doch einfach normales Einzelcoaching.“
Nicht ganz. Der Unterschied liegt im Fokus: Systemisches Coaching arbeitet konsequent mit Wechselwirkungen, Hypothesen und Perspektivwechseln.

„Systemisch ist zu weich für harte Business-Entscheidungen.“
Im Gegenteil. Gerade strategische Entscheidungen profitieren davon, systemische Nebenwirkungen mitzudenken.

Methoden, Modelle und Ansätze

1. Zirkuläre Fragen

Zirkuläre Fragen lenken den Blick auf Beziehungen und Wechselwirkungen.
Beispiel: „Was würde Ihr Vorstand sagen, warum dieses Projekt stockt?“

Plötzlich entstehen neue Perspektiven – ohne Vorwurf, ohne Rechtfertigung.

2. Rollen- und Auftragsklärung

Führungskräfte agieren oft in Mehrfachrollen: Entscheiderin, Sparringspartnerin, Kulturträgerin, Krisenmanagerin.

Systemisches Coaching hilft zu klären:

  • Was ist mein offizieller Auftrag?

  • Was wird informell von mir erwartet?

  • Wo übernehme ich Verantwortung, die nicht meine ist?

Diese Klarheit wirkt direkt auf Kommunikation und Zusammenarbeit.

3. Muster- und Hypothesenarbeit

Statt vorschneller Lösungen wird zunächst verstanden:

  • Welche Muster stabilisieren das Problem?

  • Was wiederholt sich?

  • Welche unausgesprochenen Regeln wirken?

Oft zeigt sich: Das „Problem“ erfüllt eine Funktion im System.

4. Systembrett oder visuelle Aufstellungen

Auch im Business-Kontext bewährt: Das Sichtbarmachen von Beziehungen, Abständen, Machtachsen.

Nicht esoterisch. Sondern strukturiert, analytisch, oft überraschend präzise.

Konkrete Praxisimpulse

Hilfreich ist es, im Führungsalltag kleine systemische Perspektivwechsel einzubauen:

  • Vor wichtigen Entscheidungen: „Welche Nebenwirkungen könnte diese Entscheidung haben?“

  • In Konflikten: „Was trägt jede Seite – unbewusst – zur Dynamik bei?“

  • Bei Widerstand: „Welche Funktion könnte dieser Widerstand erfüllen?“

  • Bei Überlastung: „Wo übernehme ich mehr, als meine Rolle verlangt?“

Mini-Übung (5 Schritte): Perspektivwechsel in 10 Minuten

  1. Beschreiben Sie eine aktuelle Herausforderung.

  2. Notieren Sie die wichtigsten Beteiligten.

  3. Formulieren Sie aus Sicht jeder Person einen Satz zur Situation.

  4. Fragen Sie sich: Welche Muster erkenne ich?

  5. Entscheiden Sie: Wo setze ich als Erstes an?

Reflexionsfragen:

  1. Welche Dynamik wiederholt sich in meinem Verantwortungsbereich?

  2. Wo verstärke ich unbewusst ein Muster, das ich eigentlich verändern möchte?

  3. Was würde sich verändern, wenn ich meine Rolle minimal anders definiere?

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

Systemisches Coaching vs. Einzelcoaching

Einzelcoaching beschreibt zunächst nur das Format: 1:1 zwischen Coach und Klient*in.

Systemisches Coaching beschreibt die Haltung und Methodik.

Ein Einzelcoaching kann systemisch sein – muss es aber nicht.
Rein individuelle Ansätze fokussieren stärker auf Persönlichkeit, Verhalten oder Zielerreichung, ohne systemische Wechselwirkungen explizit einzubeziehen.

Systemisches Coaching vs. Change Management

Change Management ist ein strukturierter Prozess zur Planung und Umsetzung organisationaler Veränderungen.

Systemisches Coaching ist kein Projektmanagement-Instrument. Es begleitet Menschen in Veränderungsprozessen.

Change Management beantwortet Fragen wie:

  • Welche Schritte?

  • Welche Meilensteine?

  • Welche Kommunikation?

Systemisches Coaching fragt:

  • Welche kulturellen Dynamiken wirken?

  • Wo entsteht Widerstand?

  • Welche Rolle nehme ich als Führungskraft im Change ein?

Beides ergänzt sich – ersetzt sich aber nicht.

Systemisches Coaching vs. Organisationsentwicklung

Organisationsentwicklung arbeitet am Gesamtsystem – oft mit mehreren Interventionen, Workshops und strukturellen Maßnahmen.

Systemisches Coaching fokussiert meist auf einzelne Führungskräfte oder kleine Gruppen – mit Blick auf das System.

Coaching-Perspektive

Wann ist systemisches Coaching besonders sinnvoll?

  • Bei wiederkehrenden Teamkonflikten

  • In komplexen Stakeholder-Konstellationen

  • Bei Rollenunklarheit im Top-Management

  • In Change-Prozessen mit latentem Widerstand

  • Wenn Verantwortung schwer wiegt

Typische Anliegen:

  • „Ich komme aus dieser Dynamik nicht raus.“

  • „Ich fühle mich zwischen Vorstand und Team aufgerieben.“

  • „Ich entscheide – und es entsteht trotzdem kein Commitment.“

Systemisches Coaching schafft Distanz zum Geschehen. Und damit Handlungsoptionen.

Nicht durch Ratschläge. Sondern durch Klarheit.

Fazit

  • Systemisches Coaching betrachtet Führung im Kontext von Wechselwirkungen.

  • Es stärkt Entscheidungsfähigkeit in komplexen Situationen.

  • Es hilft, Muster statt Symptome zu bearbeiten.

  • Es ergänzt Einzelcoaching und Change Management – ersetzt sie aber nicht.

FAQ

Was ist der Kern von systemischem Coaching?

Der Kern liegt im Perspektivwechsel: Verhalten wird im Kontext des Systems verstanden, nicht isoliert bewertet.

Ist systemisches Coaching nur für Führungskräfte geeignet?

Nein. Es ist besonders hilfreich im Führungskontext, weil dort viele Dynamiken zusammenlaufen – aber grundsätzlich für alle Rollen anwendbar.

Wie schnell zeigt systemisches Coaching Wirkung?

Oft entsteht bereits nach wenigen Sitzungen mehr Klarheit über Dynamiken und eigene Handlungsspielräume. Nachhaltige Veränderungen benötigen jedoch bewusste Umsetzung im Alltag.

Manchmal reicht ein Perspektivwechsel, um festgefahrene Dynamiken neu zu betrachten.

Wenn du klären möchtest, welche Muster in deinem Verantwortungsbereich wirken – und wo du wirksam ansetzen kannst: Kurz sprechen?

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